Die geistige Bedeutung der germanischen Sonnenwende

Damals widersprachen sich Glaube und Erkenntnis noch nicht!

Quelle: Die geistige Bedeutung der germanischen Sonnenwende

In eines Volkes Feiern und Festen spiegelt sich nicht allein dieses Volkes seelisches und religiöses Leben, sondern ebenso auch – und aufs engste damit zusammenhängend – die Höhe seines geistigen und kulturellen Daseins.

Alle volkstümlichen Feiern im Norden haben ihren Ursprung, ihre innere Begründung, ihren Sinn im Jahreslauf, dem sie sich rhythmisch und organisch einfügen; denn weit enger und inniger als wir heutigen modernen“ Menschen fühlten und wußten die Ahnen dem großen Geschehen in der Natur und den in ihr waltenden und wirkenden göttlichen Lebensgesetzen sich verbunden und im Einklang mit ihnen zu leben. Doch lag es zugleich in der Natur der Dinge selber, daß unsere Vorfahren in der Tat auch weit abhängiger waren vom Kreislauf des Jahres und seinen wechselnden Gezeiten als wir: eine geordnete Jahreseinteilung, ein „Kalender“, mußte für ein Volk von Bauern und Seefahrern einfach Lebensnotwendigkeit sein! Wenn jetzt zur Mittsommerzeit, zur „Zeit der Lebenshöhe, der großen Hoch-Zeit des Jahres“ (Georg Stammler), in allen Gauen Deutschlands wieder die Sonnwendfeuer auf den Bergen flammen, dann geschieht das aus dem neuen Erwachen dessen in unserem Volke, was schon in den Ahnen wach und lebendig gewesen: das tiefe innere Bedürfnis, in erhebender Feier jenes göttlichen Walten und Wirken in der Natur zu ehren.

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In ihren Festen feierten sie so aus wissenden und gläubigen Herzen zugleich die Offenbarung jener, das All ordnenden und beseelenden Schöpferkraft und ihre ewigen Gesetze, die in der Sonne und ihrem Kreislauf ihre höchste Verkörperung finden; und so ward ihnen das angeborene Feuer, als ein Teil ihrer selbst und ihre Auswirkung zugleich, Sinnbild der segenbringenden Lebenskraft der Sonne selber. Nicht „Opferfeuer“, sondern Feuer des lichtfrohen Bekenntnisses zu der großen, gewaltigen Gottesordnung im All, die zu erkennen und nach der zu leben ihnen heiliger Sinn des Lebens war.

„Die Germanen waren erdverbundene und himmelsnahe Menschen. Sie waren auch vor dem Wiedererwachen der wissenschaftlichen Betätigung im Abendlande gute Natur- und Himmelsbeobachter, würdig ihrer Nachfahren, denen die Menschheit den bedeutsamsten Teil ihrer himmelskundlichen Kenntnisse verdankt.“ (J. Hogrebe.)

Aus sich gelangten sie zu Auffindung und Nutzung der Himmelsrichtungen, zur selbstständigen Beobachtung und Messung der Gestirne und ihres Wandels, ihrer Auf- und Untergangsorte und -zeiten und der vorherigen Berechnung beider; sie fanden die eigene, astronomisch erstaunlich genaue Zeitrechnung und Zeiteinteilung, den Kalender. Schon die Sprache stellt eine der ersten Urkunden von germanischer Himmelskunde dar: die Bezeichnung und Begriffe für die „vier Himmelsrichtungen“: Nord, Ost, Süd, West- germanischen Ursprungs- haben heute Weltgeltung. Dieses germanische Richtungsbild, das heißt: die Kenntnis der wahren Himmelsrichtungen, ist schon in vorgeschichtlicher Zeit selbstständig entstanden als Ergebnis einer planmäßigen Himmelsbeobachtung. Durch solche aber wurde vor allem jegliche Hochseeschiffahrt überhaupt erst möglich. „Somit ist Seefahrt ein Teil der angewandten Mathematik“, sagte Joseph Horgrebe treffend hierzu.

„Wir wissen von den kühnen Fahrten der Germanen über See, nach Island, Grönland, Amerika, das sie entdeckten, Fahrten ohne jeden Kompaß, und was lange ein Rätsel gewesen, beginnt durch die Forschung unserer Tage nun klar zu werden: die technischen wie die nautisch-astronomischen Voraussetzungen für diese Hochseefahrt haben die Germanen sich selber geschaffen, völlig unbeeinflußt von der „höheren Kultur“ des Mittelmeerkreises, so eine fast völlig genaue Windrose, die auf allen Ebenen für die Schiffahrt anwendbar, auf genauester der Kenntnis des Sonnenlaufes und des Sonnenortes in den verschiedenen Breiten und in den verschiedenen Jahreszeiten beruht, „daraus sie scharfsinnige und richtige Schlüsse zogen, wie der Bericht über die Finnlandfahrt beweist“.

Des bedeutenden griechischen Astronomen Pytheas erstaunter Bericht – Pytheas besuchte um 330 vor unserer Zeit Norwegen – besagt unter anderem:

„Es zeigten uns die einheimischen, wo die Sonne ihre Ruhe halte“.

(n. O. S. Reuter III, 325)

Der römische Geschichtsschreiber Prokop schreibt um 550 nach unserer Zeit in seinem „Gotischen Krieg“ von Norwegen und der 40-tägigen Polarnacht, und wie die Nordleute in dieser Zeit aus den Umläufen des Mondes und der Sterne die Tage berechneten:

„Sobald aber 35 Tage dieser langen Nacht vorüber sind, werden einige auf die äußersten Höhen der Berge gesandt – und zwar ist dieses dort Sitte – welche von dort auf irgendeiner Weise die Sonne sehen und den Leuten drunten melden, daß in fünf Tagen die Sonne sie beleuchten werde. Die frohe Botschaft feierten sie mit dem ganzen Volke, und zwar noch in der Finsternis. Und dies ist der Thulebewohner größtes Fest.“

Also: gewohnheitsmäßige (man könnte fast sagen: berufsmäßige) Beobachter, „Fachleute“, werden zu einer ganz bestimmten Zeit vorher auf die Bergausgucke gesandt, um den ganz genauen Zeitpunkt für die Wiederkehr der Sonne durch Beobachtungen vorauszuberechnen und zu melden. Aber das Ziel, der Sinn dieser Beobachtung und Berechnung ist: den Ablauf und den Beginn des Sonnenjahres mit möglichster Genauigkeit zu bestimmen, das heißt die Zählung der 365 (-5) Tage des Sonnenjahres.

930 wird dann auf Island das Sonnenjahr als ausschließliche Zeitrechnung eingeführt; doch vergaß man in der unruhigen Zeit der Besiedlung (in denen Bestreben aller Nordgermanen war, das 52-Wochenjahr mit dem Sonnenlauf in Einklang zu bringen) den 365. Tag, obgleich dessen Kenntnis schon 400 Jahre früher für Norwegen bezeugt ist. Als das aber schon bald (um 955) bemerkt wurde (weil nämlich der Sonnengang am gesetzlichen ersten Sommertage nicht mehr eintraf), kam es zu jener, auf dem Altthing vorgeschlagenen Kalenderreform des Thorstein Surt (Thorstein der Schwarze), bei der es sich jedoch nicht um einen Ausgleich mit dem Julianischen Jahr, sondern um einen solchen mit dem Sonnenjahr selbst handelt. (Vgl. a. Thule Bd. XXIII, S. 46 f.)

Diese, in der Geschichte der Zeitrechnung einmalige Jahresreform besteht auf Island noch heute. (Ein Eingehen auf den Unterschied zwischen dem ältesten germanischen 13-Monatsjahr und dem späteren 12-Monatsjahr bzw. zwischen Sonnen- und Mondjahr ist hier aus Raummangel nicht möglich). Noch in heidnischer Zeit, im ausgehenden neunten Jahrhundert, zurzeit der beginnenden Christianisierung Islands, macht dann Oddi Helgason (dem das Volk deswegen den Ehrennamen „Sternen-Oddi“ gab) seine berühmten Beobachtungen und Messungen der Sonnenhöhen und Dämmerungsbogen in den einzelnen Monaten. Es ist noch die Zeit des unzulänglichen Julianischen Kalenders, noch vor der Gregorianischen Kalenderverbesserung, als dieser kluge und begabte Isländer seine Beobachtungen und Berechnungen, letztere in Form regelrecht arithmetischer Reihen, anstellt, die uns noch heute ob ihres Scharfsinns und ihrer Genauigkeit in Erstaunen setzten, nicht bloß hinsichtlich der von ihm richtig beobachteten und errechneten wahren Jahrpunkte (der beiden Wenden und der beiden Gleichen), sondern um ihres tiefsinnigen Suchens nach dem hinter ihm stehenden größeren Naturgesetz. Stets beginnt Oddi seine Beobachtungen und Zählung mit der astronomisch wahren Wintersonnenwende. Derweil rechnete das christlich-abendländische Mittelalter noch lange mit dem immer fehlerhafter gewordenen Julianischen Kalender.

Es ist klar erwiesen: Unsere Vorfahren hätten wahrlich ohne jenen julianischen Kalender auskommen können, wie sie auch ohne ihn ausgekommen sind und den eigenen lange beibehalten haben: der von ihnen selbst gefundene war der astronomisch viel richtigere; und dasselbe gilt für die spätere „Gregorianische Kalenderreform“, diese aus sich selber zu entwickeln, wären sie nach ihrem uns Staunen machenden Wissen und Können wohl im Stande gewesen und waren ja auch auf dem besten Wege dazu! Wie die Schöpfungslieder der Edda es ja auch künden: „daß nämlich die germanische Zeitrechnung nicht von den Römern und Griechen, sondern vom Himmel und seiner himmlischen Ordnung selbst genommen worden sei, das heißt auf Beobachtung beruhe“. (Reuter).

Wie die Bestimmung des Ortes und der Richtung, so war also auch die der germanischen Zeiteinteilung eine Angelegenheit der Himmelsbeobachtung gewesen. Die Letztere wurde meist von Bergen oder Anhöhen mittels der „Ortung“ (gleich Richtlage, Richtlegung, Einstellung) zum Auf- und Untergangspunkt der Winter- und Sommersonnenwende vorgenommen; denn während das heutige Jahr von Frühling zu Frühling rechnet, zählte das germanische von Wende zu Wende. So wurde nach allen schriftlichen Überlieferung die Sonnenwende im alten Norden allgemein als ein bestimmter Tag angesehen, der die Zeitrechnung wie die Abhaltung des Altthings regelte. Die Himmelsrichtungen bildeten hier sozusagen das „Zifferblatt“ an der großen Uhr der Gezeiten. Überall im germanischen Leben, in Glaube und Brauch, ist jene Ortung, Richtlage und Richtlegung, zu erkennen.

Solche Richtlegung vor allem nach den Sonnenwendpunkten soll uns zum Schluß noch kurz beschäftigen. Wir finden Sie vielleicht bestätigt auf nordischgermanischem Boden: in der Schöpfung sage, für Bauernhaus und Königshalle, für Dorf, Thinghügel, Gräber und Gebet. Sie hat sich völlig selbstständig entwickelt, und es ist nicht ohne Reiz, festzustellen, daß schließlich die Richtlegung der Längsachse bei den christlichen Kirchenbauten auf die West-Ost-Linie eben diesem uralten germanischen Brauch der Ortung entspricht und ihm folgt. Diese Ortung als solche findet in der christlichen Religion keine urtümliche Begründung (und selbst wenn man kirchlicherseits damit etwa eine Hinwendung nach dem „heiligen Lande“ erstrebt hätte, so hätte die Richtlage dann doch wohl eine südöstliche sein müssen.), wohl aber hat sie das in der germanischen Himmelskunde.

Und so sind auch jene heiligen Stätten auf germanischem Boden, jene „Sonnenheiligtümer“ und „Kultstätten“, einwandfrei noch heute erkennbar, geortet: Die Steinzirkel von Stonehenge in England weisen die Richtlage zur Junisonnenwende auf. Noch die heutigen Bewohner der Gegend kommen am Tage der Sommersonnenwende von weit her nach dort, um den Sonnenaufgang zu erwarten. Der Süntelstein bei Vehrte (Bezirk Osnabrück) weist eine ganz ähnliche Lage auf wie der Stein auf dem Thinghügel bei Växjö in Småland (Schweden), wie ja gerade für die nordischen Thinghügel die Grundrichtung der Ortung durchweg als rechtsbräuchlich nachgewiesen sind.

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Wahrscheinlich sind auch die Johannissteine bei Osnabrück, mit dem Sternbild des Großen Bären, geortet; die Anlage ist von besonderer Bedeutung, weil sie die wirkliche Lage dieses Sternbildes am Himmel wiedergibt, wie erst zurzeit der Sommersonnenwende gegen Sonnenaufgang von dieser Stelle aus zu sehen ist, wenn man an Südrand der Platte steht und nach Norden blickt.

Ein Gleiches gilt von dem ebenfalls mit dem Sternbild des Großen Bären versehenen Stein von Rygaard (in Dänemark), der außerdem das Sonnenrad zeigt.

Ein „Musterbeispiel“ (R. Müller) für solcher Ortungen aber bilden die überaus sorgfältig abgezirkelten Steinkreise von Odry in der Tucheler Heide (Westpreußen): die Hauptrichtungen der Steinkreise sind bewußt und geradezu auffallend nach den beiden Sonnenwenden und nach den vier Himmelsrichtungen geordnet. Und als letztes Beispiel noch das stolzeste und für uns bedeutungsvollste dieser steinernen Male der Vorzeit: die Externsteine mit der Sonnenluke des Turmfelsens, eine der großartigsten „Sonnenwarten“, die es wohl überhaupt in Germanien gegeben hat. Ihre alte Raumachse ist genau auf den Sonnenwendepunkt geortet Junisonnenwende).

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„Diese Sonnenwarte gewährt eine einzigartige Möglichkeit zur Beobachtung des Sonnenaufganges zur Zeit der Sommersonnenwende“.

(R. Müller)

Der ganze Raum mit dem kreisrunden Loch in der Felsenwand ist nicht nach Osten, sondern nach Nordosten auf die am Sommersonnenwendtage aufgehenden Sonne geortet und zugleich auf den Mondaufgang zur Zeit seines nördlichsten Aufstiegs am Himmel. Sicherlich sind hier einst – außer den heiligen Sonnenwendfeiern – auch kalendermäßige Beobachtungen der wandernden Sonne vorgenommen worden; einen geeigneten Platz hätte man sich kaum denken können. Und wie hier schon in uralter Zeit (denn alle Voraussetzung für ein Zusammenströmen der Menge an den Externsteinen sind vorhanden) die großen Feste der Winter- und der Sommersonnenwende gefeiert wurden, so geschah das auch noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein.

Hören wir noch aus dem Bericht eines Teilnehmers daran:

„Ich erinnere mich vor 60 Jahren (1904 sind diese Worte geschrieben) aus frühester Kindheit Tagen, daß es unter den Mitgliedern einer uralten Wehrverbindung heimatlicher Höfe Brauch war, zu Johanni die weite, tagelang dauernde Fahrt nach jenen alten heiligen Steinen zu unternehmen und dort mit dem Sonnenaufgang „das Fest der Sonnenwende“ zu feiern, und wir Kinder wurden mitgenommen, um diesen Brauch in der Überlieferung auf kommende Geschlechter wach zu erhalten … Ich habe nochmals auch, trotz einer weiten, kostspieligen Reise oft die Sommersonnenwende an jenen Steinen gefeiert“.

(Zit. N. W. Teudt, „Germanische Heiligtümer“, 4. Aufl. 1936, S.52)

Der Weg der Sonne im Kreislauf des Jahres gab dem Germanen ihre Zeitrechnung: die Wenden und die Gleichen, die Tage, Wochen und Monde – das „Sonnenjahr“ mit seiner für den Bauern so gewichtigen Gezeitenfolge; den Beobachtungen und Messungen dieser Sonne und ihres Weges am Himmel verdanken sie die Entdeckung und Entwicklung der „Windrose“, des Wegweiser für den nordischen Seemann.

„Jene erstaunlichen Forschungsergebnisse sind uns ein stolzer Beweis für die geistige Höhe des germanischen Nordens. Damit ist uns nicht bloß die volle Unabhängigkeit der germanischen Himmelskunde vom südlichen und östlichen Altertum erwiesen“, (Reuter), damit wird uns auch wahr und zur eigenen Forderung: Die Beschäftigung mit den Fragen der germanische Himmelskunde der Vor- und Frühzeit bietet tiefe und
schöne Einsicht, die nicht ungenutzt bleiben sollten zu Ehre Deutschlands“ (Horgrebe)!

Und damit wird uns schließlich die germanische Himmelskunde auch für die Religion- und Geistesgeschichte des alten Norden von größter Bedeutung: damals widersprachen Glaube und Erkenntnis sich noch nicht. So konnten „Sonnenwarten“ zugleich „Sonnenheiligtümer“, ernste Sonnenbeobachtung zugleich frohe Sonnenfeiern sein; und so sind beobachtendes Wissen, gläubiges Vertrauen und Ordnen des Verstandes auch der Urgrund jeder germanische Sonnenfeier.

Klarheit, Wissen und Erkenntnis war jenen Menschen nordischen Blutes innerstes Bedürfnis (Stammler): sich einzuordnen in das große Geschehen des Kosmos, ihre eigenen Lebensgesetze abzuleiten aus denen der Natur, ihr Leben in Einklang zu bringen mit der ewigen Lebensordnung allen Werdens.

Aus dieser Erkenntnis und diesem Wollen erwuchsen auch ihr ganzes religiöses Leben und ihres Sonnenjahres Feiertage. So sind diese Feste Ausdruck einer überlegenen, sicheren – aus Eigenem schöpfenden – Weltschau und Welterkenntnis einer Weltanschauung und eines Gottglaubens.

Literatur:

Otto Sieg fried Reuter „Germanische Himmelskunde“ (1934); „Der Himmel über den Germanen“, NS-Wissenschaft, Heft 4. Rolf Müller: „Himmelskundliche Ortung auf nordisch-germanischem Boden“ (1936). Joseph Horgrebe: „Himmelskunde bei den Germanen“ (1936).

Wilhelm Teudt: „Germanische Heiligtümer“, 4. Auflage 1936. Ferner: Karlheinz

Baumgartl Informationsblätter Nr. 48 „Es begab sich in des Jahres längster Nacht“, Nr. 51 „Das Labyrinth von Schildthurn und die Bedeutung der Wintersonnenwende“, Nr. 52 „Das Geheimnis der Schwarzen Madonnen“ aus www.cosmopan.de.
Quellen: Der Schulungsbrief Juni 1937 von Hans Riegelmann

Gefunden bei ViB

Mit Dank an Hyperboreer

Teutoburgs Wälder

Frühgeschichtliche Kultstätten Ostwestfalen Teil 2 – Reisebericht – Visurlinien – Heinecke-System – Knotenpunkt Externsteine

52b-Blick-Schoenemark

aufziehendes Unwetter über der Schönemark

Schon zu Beginn der kurzen Reise gab es Verzögerungen; der Zug fiel aus, nach endlosem Warten in Leverkusen – es fuhr auch kein anderer Zug, in keine Richtung – und nach ebenso endlosem Herumtelefonieren hieß es dann, es gebe einen “Notfall im Zug” und nähere Angaben seien nicht möglich. Zum Glück fuhr dann ab ca 9.30 wieder ein Zug in Richtung Norden, welchem ich dankbar annahm, leider verzögerte sich meine Ankunft in Paderborn dadurch erheblich. Ergebnis: Ich mußte in der nun vorhandenen Sonnenhitze nach Norden fahren, die ersten 20 Kilometer ab Paderbon bestehen nur aus Landstraße ohne Schatten.
Es blieb dann sehr heiß. Ich schlich irgendwie durch den südlichen Teutoburger Wald, sogar im Hochwald war es mir zu warm, ich mußte mir sogar zwischendurch extra Wasser holen in Horn, und fuhr dann langsam nördlich nach Pivitsheide.

Am dritten Tag meines Kurzurlaubs erschien es mir möglich, über Landstraße von Pivitsheide zum Leistruper Wald zu fahren; das sind circa 2 Stunden Fahrzeit mit dem Rad. Es waren schwere Gewitter angesagt. Früh war ich im Leistruper Wald, doch genauso früh fing es von Westen an zu donnern. Als ich von der nordöstlichen Waldgrenze quer durch den Leistruper Wald im Südwesten ankam, bot sich mir folgendes Bild:

51b-Unwetterwolken

Nachdem ich das Ganze eine Zeitlang, beim mitgebrachten Mittagessen, beobachtet hatte, musste ich mich leider entschließen, den Leistruper Wald zu verlassen und zurück fahren. Als ich in Hiddesen ankam, schien wieder die Sonne. Das Unwetter kam dafür dann nachts.

Der letzte Tag meines Kurzurlaubs sah mich Richtung Süden radelnd, auch hier mit einigen Behinderungen. Der Teutoburger Wald wird ja leider bewirtschaftet, und wer einmal gesehen hat, wie das aussieht, wenn schwere Maschinen die Wege unpassierbar machen und den Wald quasi für Jahre durch Abholzen zerstören, wird immer gegen Waldbewirtschaftung sein. Nachdem ich hinter Berlebeck also circa eine Stunde das “Glück” hatte, durch einen solchermaßen zerstörten Wald gehen zu dürfen, über einen matschigen, zerfahrenen Weg, der wegen seiner tiefen Furchen kaum begehbar war, kam dann die Krönung: Die Waldarbeiter, offensichtlich ohne Hirn und Verstand, hatten circa 20 sehr lange Fichten(?)stämme quer über den Waldweg gelegt. Ein Weiterkommen war erst nach Abpacken des Rades und Überklettern des Hindernisses nebst Gepäck möglich.

Nun gut, nachdem ich dem Stemberg dann überquert hatte, landete ich dann wieder da, wo ich hinwollte, auf dem Bärenstein. Es war sehr ruhig dort, und ich konnte noch ein paar schöne Fotos vom Bärenstein, seinen gigantischen Ausmaßen machen, auch sind mir ein paar gute Detailfotos von den Externsteinen, genauer gesagt, dem Turmfelsen, und dem Kreuzabnahmerelief gelungen.

Die Rückfahrt mit der Bahn gestattete sich dann, wegen der Unwetterschäden, sehr schwierig, aber das soll hier nicht Thema sein. Im Wald selber gab es keine Sturmschäden, obwohl da oben der Sturm nachts auch sehr gewütet hatte. Warum wohl waren die Schäden in den Städten, vor allem in Düsseldorf, so groß? Man könnte ja mal an entsprechend verantwortlicher Stelle darüber nachdenken. Die Antwort ist eigentlich einfach: Gewachsener Wald fällt nicht einfach so um wegen ein bisschen Wind. (Ich schreibe bewusst “ein bisschen Wind”, denn ein richtiger Sturm ist etwas anders.) Platanen aber, in schluchtartigen Innenstädten, die fallen leicht um, erstens gehören Platanen hier geographisch gar nicht hin, und zweitens entwickelt ein mittelmäßiger Sturm natürlich in Häuserschluchten eine ganz andere Dynamik.

Tja, lieber Mensch, man kann halt nicht alles haben. Entweder man genießt den Wald und die Natur, und lebt naturnah, oder man lebt in Häuserschluchten, auch “Städte”, genannt, mit oder ohne Platanen (das sind Bäume aus Südeuropa, die das heiße Stadtklima auch vertragen) und mit der dazu gehörigen Gefahr.

Knotenpunkt Externsteine – Was sind die Externsteine?

Warum sind sie ein Knotenpunkt?  W. Teudt belegt in seinem Buch “Germanische Heiligtümer”, eindeutig, dass der “Sacellum”, genannte Raum auf dem Turmfelsen (Felsen 2) eben keine kirchliche Kapelle war, sondern dass der ursprünglich dort vorhandene Raum von den Christen (vermutlich unter Karl dem Schlächter) zerstört wurde beziehungsweise als vermeintliche Kapelle hergerichtet wurde.

Diese “Umwandlung”, die eigentlich eine Zerstörung war, aber lassen wir es hier beim Wort “Umwandlung”, ist nicht gut gelungen. Von besonderer Bedeutung ist aber, dass der ganze so entstandene  “Raum” nicht nach Osten, sondern nach Nordosten gerichtet ist. Die nordöstliche Richtung ist aber die von der katholischen Kirche als heidnisch verpönte Himmelsrichtung. Es ist davon auszugehen, dass es nicht um eine Bausünde im Sinne von “ungenauer Messung” handelt, denn die Abweichung von der kirchlich vorgegebenen Richtung (Osten) beträgt satte 47 Prozent.

Die Nordostortung ist also älter und sie ist mit voller Absicht geschehen. Die ersten Strahlen der an diesen Tagen aufgehenden Sonne treffen durch das Loch genau auf dort befindliche Personen. Mit einem schlichten Kompass lässt sich das sofort feststellen. Die Verschiebungen der Sonnen- und Mondaufgänge, die sich durch das sehr hohe Alter der Anlage ergeben, sind so gering, dass sie zu vernachlässigen sind.

Von den Externsteinen ausgehend ergibt sich alles Weitere. Sie sind der Knotenpunkt, wie es G. Heinecke in seinem „Heinecke-System“ ausführlich dargelegt hat, und schon alleine deshalb kann die Bedeutung der Externsteine gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

80b-Turmfelsen-Kapelle-Blick-von-Unten

Turmfelsen-Zerstörungswerk

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Treppenrest und Zerstörung an Felsen 2

Warum Visurlinien?

Was ist eine Visurlinie? Eine Visurlinie ist eine feststehende, geographische Linie, die sich ergibt, wenn man von einem bestimmten Punkt aus den Lauf eines Gestirns (zum Beispiel Sonnenauf- und -untergang am Tag der Tag-und-Nacht-Gleiche) misst.

Was ist der Sinn und Zweck von Visurlinien, beziehungsweise, warum waren sie damals von hervorragender Wichtigkeit?

Ganz einfach: Es gab weder Uhren, noch Kalender, noch sonstige Zeitmesser. Es war für Jagd und Ackerbau, Viehzucht und auch Schifffahrt, wo sie denn möglich war, extrem wichtig, zu wissen, wo und wann die Sonne auf- und untergeht,  d.h.,es auf eine andere Jahreszeit zugeht.

Wer einmal ohne Kompaß und Navigationsgerät in einem großen Wald unterwegs war, wird wissen, wie wichtig die Sonne ist. Wir als verwöhnte Neuzeitler haben keine Probleme mit der Ortung, wir wissen, wo wir hingehen, dank Karten, Plänen und – mit Auto – Navigationsgerät. Stellen Sie sich aber mal Ihr Leben ohne all das vor. Und dann auch noch ohne Autos und Straßen. Und dann stellen Sie sich vor, Sie wären in einem Ihnen unbekannten Land. Woran orientieren Sie sich? Na, an der Sonne (wenn sie denn scheint). Und in der Nacht am Sternenhimmel.

Visurlinien dienten also der Orientierung. Darüber hinaus dienten sie der Bestimmung des jahreszeitlichen Ablaufes. Sie dienten aber offensichtlich auch der Verständigung:

Entlang dieser Visurlinien findet man erhöhte Stellen (meist Berge) und Bauwerke (sofern sie nicht zerstört wurden bei der Christianisierung), von denen aus sich prima über weitere Strecken anderen Menschen etwas signalisieren ließ, höchstwahrscheinlich mittels Feuer. Nicht zuletzt kriegerische Erfolge ließen sich nur mit einem hervorragend ausgebildeten Nachrichtenwesen erzielen.

Problem der Zerstörung während der Christianisierung: Male und Türme, die es im Land gab, wurden fast völlig vernichtet. Die Gründlichkeit, mit der man dabei zu Werke ging, verdeutlicht ein kaum bekannter Beschluss einer Kirchenversammlung von Nanzig, welcher das Kapitulare Karls d.GR. vom Jahre 789 bestätigte und noch verschärfte. Zitat (Quelle: Widlak, Gebräuche der alten Deutschen, aus: Teudt,  Germanische Heiligtümer):

Auch die Steine, die das durch Dämonienblendwerk getäuschte Volk an den Trümmerstätten in den Wäldern verehrt, wo es auch Gelübde ablegt und erfüllt, sollen von Grund aus ausgegraben und an einen solchen Ort geworfen werden wo sie von ihren Verehrern niemals aufgefunden werden können. Es soll allen verboten werden, dass niemand in der Sorge um sein Seelenheil ein Gelübde ablege oder ein Licht oder eine Opfergabe anderswohin bringe, als zur Kirche und zu seinem Herrn und Gott.

(Zitat Ende)

Dieser Beschluss wurde wortgetreu ausgeführt. Ausnahmen machte man wohl mit den alten Steinkreuzen, die man auch heute hier und dort noch findet. Sie verdanken ihr Bestehen wohl nur ihrer Kreuzform. – Man kann also davon ausgehen, dass mit fanatischer Gründlichkeit von Christen alles, was mit dem alten Glauben zu tun hatte, zerstört wurde.

Aus dem Nichtwissen dieser Tatsache heraus, hat sich nun eine weit verbreitete Meinung gebildet, die dringend der Korrektur bedarf: Es gebe keine “prähistorischen” Baudenkmäler, ergo gab es auch keine Kultur zu dieser Zeit!

Des weiteren, nicht zuletzt und vielleicht am Wichtigsten bezüglich der Frage nach dem Sinn von Visurlinien sei hier das religiöse Empfinden der damals lebenden Menschen erwähnt, sich der Himmelsrichtung zuzuwenden,  wo man sich die zu verehrende Gottheit vorstellte. Himmelsrichtungen spielten im Glaubensleben und den Sitten der alten Kulturvölker eine bedeutsame Rolle. Je mehr sich Brauchtum heraus bildete für Gebet und Opfer, für Gelübde, religiöse Zeremonien und andere feierliche Handlungen, umso mehr musste auch die Bedeutung der Himmelsrichtungen steigen. Die Nordorientierung hat dabei im germanischen Glauben eine hervorragende Stellung, während der christliche Glaube im Norden den Wohnsitz des Teufels predigte. Deshalb kam eine Nordausrichtung für christliche Bauten niemals in Frage.

Die tief religiöse Sorgfalt, mit der man ernsthaft und über lange Zeit Himmelsbetrachtungen durchführte,  ist der Kern der “wissenschaftlichen” Astronomie.  Mit durchaus erstaunlichem Erfolg:

Die Pollinie, die man damals schon erkannte, unterscheidet sich nicht von der Pollinie der neueren Astronomie. Eine Schwankung von einem Grad wurde in den seltensten Fällen festgestellt, wohingegen man sich bei der Ortung der Kirchen in der ältesten christlichen Zeit, als die germanische Astronomie unterdrückt und vergessen war, auch schon mal um 14 Grad vertan hat bei der Messung.

Im Zuge der religiösen Entwicklung wurden dann die Orientierungsstellen entlang der Visurlinien zu Heiligtümern erhoben. An diesen Orten entwickelten sich, wenn es die Beschaffenheit der Landschaft möglich machte, Wohnstätten, aus denen dann Orte wurden. So wurde das Ortungsheiligtum nach und nach zum Dorfthingplatz.
Kirchen in der Bekehrungszeit wurden gemäß Anordnung sämtlicher Päpste auf die alten Thingplätze gesetzt, wo das Volk gewohnt war, zusammen zu kommen.

Es ist erst einmal  hier nur wichtig, anzuerkennen, dass dieses damals hier lebende Volk, von dem wir leider nicht viel wissen, dazu fähig war, Bauwerke zu errichten, die  sehr genau den damaligen Sternenhimmel abbildeten. Dies wurde von Astronomen bestätigt. Man kann also mit Fug und Recht von einer astronomischen Ortung sprechen. Man baute quasi im Einklang mit dem Firmament.

Das System der Visurlinien von Sonne und Mond, ausgehend von den Externsteinen, hat G. Heinecke 2006 ausführlich mit seinen Artikeln „Das Heinecke-System„, dargestellt. Der dazu gehörige Artikel ist hier: http://www.efodon.de/html/archiv/vorgeschichte/meier/2006-SY4%20meier_heinecke-system_teil2.pdf zu finden. Oder man gehe auf http://www.efodon.de, dann auf „Online-Archiv“, und dann auf „Vorgeschichte“, dann scrolle man circa zwei Drittel am rechten Rand runter, bis man auf die Jahrezahl 2006 kommt, dort stehen die beiden Artikel von Gert Heinicke:

    1. Das Heinecke-System: Frühgeschichtliche Visurlinien auf Sonne und Mond – die Darstellung des Systems
    2. Das Heinecke-System: Frühgeschichtliche Visurlinien auf Sonne und Mond – die Deutung des Systems

Hier geht es demnächst weiter mit den Themen:

Frühgeschichtliche Kultstätten OWL Teil 3: Heinecke-System, Externsteiner Visurlinien, Deutung

Frühgeschichtliche Kultstätten OWL Teil 4: Der Schliepstein

Frühgeschichtliche Kultstätten OWL Teil 5: Der Warmsberg

Frühgeschichtliche Kultstätten OWL Teil 6: Der Teutberg/die Teutoburg

Frühgeschichtliche Kultstätten OWL Teil 7: Die Detmolder Warte und der Viethberg

Frühgeschichtliche Kultstätten OWL Teil 8: Der Tönsberg; Kapelle, Quelle und Sachsenlager

Frühgeschichtliche Kultstätten OWL Teil 9: Der Velmerstot und der Große Opferstein

1Frühgeschichtliche Kultstätten OWL Teil 10: Der archäologische Lehrpfad Oesterholz-Haustenbeck

Frühgeschichtliche Kultstätten OWL Teil 11: Die Doerensschlucht

Frühgeschichtliche Kultstätten OWL Teil 12: Andere „Auffälligkeiten“

Frühgeschichtliche Kultstätten OWL Teil 13: Der Leistruper Wald. Dieses Gebiet werde ich aufgrund der dort vorhandenen mannigfaltigen Steinkreise, Opfersteine und Haine aufteilen müssen.

Teutoburgs Wälder